Ziemlich wahre Vorurteile bezüglich der deutschen Arbeitskultur


 Die Deutschen sind pünktlich. Sie sind nicht nur pünktlich, Sie haben die Pünktlichkeit erfunden! Mit der Pünktlichkeit nehmen es einige Kulturen nicht wirklich genau, und trotzdem werden Ziele erreicht. Für einen Deutschen absolut unverständlich. Verabredungen werden in Deutschland streng eingehalten. Und wenn jemand bestätigt, „Ich bin gleich da“, dann heißt das nicht, dass er gerade erst aus dem Haus gegangen ist.

Während meines Postgraduiertenstudiums habe ich, Spanierin, zusammen mit Studenten aus verschiedenen Ländern studiert. Die Mehrheit kam aus Lateinamerika und einige aus Europa, darunter eine bezaubernde Deutsche. Das erste Mal, als wir uns nach dem Unterricht trafen, kamen alle bis eine Stunde später als zur verabredete Zeit. Nur die deutsche Studentin war natürlich pünktlich vor Ort. Das ist ein paar Mal vorgekommen, bis sie die durchschnittliche Verspätung der Gruppe analysiert hatte und dies bei zukünftigen Treffen einplante. Ab dann fing auch sie an, pünktlich zu spät zu kommen.

Zu spät zu einer Verabredung zu kommen ist für einen Deutschen nicht bloß fehlender Respekt. Zeit ist Geld und wenn man sie verliert, weil man 20 Minuten auf jemanden wartet, dann ist das ineffizient. Ein Deutscher kommt nicht nur pünktlich zu einem Treffen, er wird eventuell sogar 10 Minuten vorher dort sein, denn laut Murphys Gesetz könnte ja wer weiß was schief gehen… An diese pingelige Pünktlichkeit müssen sich Menschen anderer Kulturen erst gewöhnen, wenn sie mit Deutschen arbeiten, denn wohl nirgendwo ist man so pünktlich wie in Deutschland.

 Das Respektieren von Regeln. Die Deutschen befolgen Regeln. Alle. Kulturell haben die Deutschen einen starken Gemeinschaftssinn entwickelt und die eigens aufgestellten Regeln garantieren das gute Funktionieren ihrer Gesellschaft. In anderen Ländern gibt es immer ein „aber“, viele Ausnahmen oder eine hohe Diskrepanz zwischen gesetzlichen Regeln und praktizierten Normen. Andere Kulturen können sich anpassen. Man könnte diese Anpassungsfähigkeit auch Flexibilität nennen, oder auf das Respektieren von Traditionen und ungeschriebenen Bräuchen hinweisen. Wenn Sie aber mit einem Deutschen arbeiten, dann sollten Sie wissen, dass es Ihnen schwer fallen wird, jegliche Improvisation zu rechtfertigen.

Die Deutschen sind effizienter. Die Deutschen denken, handeln und arbeiten für das Wohl der Gruppe, der Gemeinschaft oder des Unternehmens, zu der oder dem sie gehören.

Es wird gar nicht gern gesehen, wenn Sie in Deutschland in Gegenwart eines Kindes eine Straße bei einer roten Fußgängerampel überqueren (obwohl keine Autos in Sicht sind), und es kann sogar sein, dass Sie zurechtgewiesen werden, weil Sie den Kindern ein schlechtes Beispiel geben.

Die Liebe zur Teamarbeit, mit der sich die Deutschen rühmen können, stärkt ihre Fähigkeiten zur Planung, Organisation und Effizienz. Die Deutschen werden dazu erzogen, der Gesellschaft nützlich zu sein, andere Kulturen dazu, glücklich zu sein.

In einigen Kulturen scheint sich die Arbeitsmentalität außerdem auf folgendes Motto zu beschränken: „Solange man im Büro anwesend ist, arbeitet man. Je länger man dort ist, desto mehr arbeitet man.“ Ganz anders läuft es in Deutschland. Dort zählt die Produktivität, nicht bloß die Stunden, die man im Büro verbringt. Deutschland gehört mit den Niederlanden zu den OECD-Ländern, in denen weltweit am wenigsten Stunden gearbeitet wird. In Hinblick auf die Produktivität und das wirtschaftliche und unternehmerische Wohl des Landes wird einem schnell klar, dass dieses System funktioniert.

Für einen Deutschen bedeutet Ja, Ja und Nein heißt Nein. Fertig aus. Die Deutschen sind effizient, rational und vernünftig. Kann man Gefühle gemäß ihrem Effizienzkriterium messen? Und steuern? Aber ja, die Deutschen können es. In anderen Kulturen heißt es „Danke“, „vielleicht“, „morgen“ und „wir bleiben im Kontakt“, um keinem zu nahe zu treten und stets höflich zu bleiben, auch wenn man in Wirklichkeit lauthals „Neeeeeeiiin“ brüllen möchte. Die Deutschen jedoch verkomplizieren ihr Leben nicht und sagen ziemlich direkt, was sie denken.

Der heilige Gral, die Privatsphäre.  Für Menschen außerhalb Deutschlands ist die Privatsphäre flexibel, je nach Interessen und Persönlichkeit wird sie größer oder kleiner und nicht selten vermischen sich Privatleben und Berufliches. Eine enge Beziehung zu Kunden kann in vielen Kulturen zu Annäherungen unterschiedlicher Standpunkte führen und sogar alleinig ausschlaggebend für Geschäfte sein. In Deutschland würden Menschen zwischenmenschliche Distanz am liebsten auf ein Maximum ausweiten, wenn sie könnten. Die Privatsphäre ist heilig und wenn Sie einem Deutschen zu nahe kommen, kann dies als offensiv angesehen werden.

In diesem Artikel wurden Vorurteile bezüglich typisch deutscher Eigenschaften besprochen. Ich habe versucht, relevante kulturelle Merkmale zu porträtieren, die man entdeckt, wenn man mit Deutschen arbeitet. Ich hoffe, dass der Artikel Ihnen weitergeholfen hat, sowohl wenn Sie mit deutschen Kollegen arbeiten als auch wenn Sie eine berufliche Veränderung und eine Stelle in Deutschland suchen.